Lesezeit: 5 Minuten

Wie alle anderen Studiengänge auch, sind auch wir – der Master „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe an der Hochschule München – von der Corona Krise und den damit einhergehenden Veränderungen im Studium betroffen. Lehre ohne Präsenz? Ein Semester nur online studieren? Wie kann das gelingen? Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen gilt es zu bewältigen? Welche Chancen bringt diese Form des Lehrens und Lernens mit sich? Auf diese Reise möchte ich euch gerne mitnehmen.

Semesterstart – Aber nur Online

Nachdem der eigentliche Semesterstart am 15.03.20 bereits verschoben werden musste, startete am 21.04. nun endlich das Sommersemester an der Hochschule – aber nur online. Gleich zu Beginn war klar, dass das enorme Veränderungen und Umstellungen mit sich bringen wird, auf die wir uns alle – sowohl Lehrende als auch Lernende – einlassen müssen. Zunächst einmal war der Unmut bei mir groß. Ich blickte der ganzen Situation sehr skeptisch entgegen. Wie ich gegenüber Freunden und Familie aber oft so schön sagte „Da müssen wir jetzt einfach alle durch und das Beste aus der Situation machen“. Mit dieser Einstellung startete ich also in das neue Semester. Im gemeinsamen Austausch mit Kommilitonen und Kommilitoninnen und auch anderen Studierenden wurde aber schnell deutlich, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine war. Trotz der Zweifel: Meine Ansprüche an die Online-Lehre waren hoch. So erhoffte und erwartete ich mir, dass die Online-Lehre im besten Fall die Präsenzlehre ersetzen kann und für uns Studierende dementsprechend keine Nachteile entstehen. Ob und wie das gelingen kann, wird im weiteren Beitrag noch deutlich.

Die Hochschule begann also auf Online-Lehre umzustellen. Auch wir Studierenden bereiteten uns entsprechend darauf vor. Webinare, Online-Vorlesungen und die Kommunikation über Moodle prägen nun unseren Studentenalltag. Die Art und Weise, wie die Lehrveranstaltungen online gestaltet werden, ist dabei zum Teil sehr unterschiedlich. Wo einige Lehrende den direkten Austausch über Webinare bevorzugen, greifen andere wiederum auf mit Audiokommentaren hinterlegte Präsentationen oder die eigenständige Bearbeitung von Texten zurück. Das Verständnis von digitaler Bildung und digitalem Lernen ist vielschichtig. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, was unter dem Begriff der digitalen Bildung überhaupt verstanden werden kann und wie digitales Lernen funktioniert.

Digitale Bildung – Wie funktioniert digitales Lernen?

Digitalisierung als Gegenstand von Bildung steht schon seit längerer Zeit im öffentlichen Diskurs. Aktuell allerdings mehr denn je. Die Digitalisierung durchdringt alle Bereiche unserer Gesellschaft und fungiert so auch als Werkzeug im Bildungsprozess. (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.) 2016, S. S. 5ff.). Der Begriff der digitalen Bildung steht für den Transformationsprozess in der Bildungsarbeit. Digitale Bildung bezeichnet die Veränderungen durch den Einsatz von digitalen Medien, die den gesamten Prozess der Wissenserschließung und -kommunikation betreffen. (vgl. Seufert und Meier 2016, S. 298f.; Netzwerk Digitale Bildung 2016, S. 2).

Um zu verstehen, wie digitales Lernen funktioniert, ist es zunächst erforderlich, den Bildungsbegriff an sich genauer zu definieren. Bildung muss als ein lebenslanger und kontinuierlicher Prozess begriffen werden, „der Menschen befähigt, ihr Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt aktiv zu gestalten.“ (Netzwerk Digitale Bildung 2016, S. 2). Entgegen zahlreicher Annahmen geht es in Bildungsprozessen demnach weniger um die bloße Vermittlung und den Erwerb von Faktenwissen. Die Übernahme von Verantwortung im eigenen Lernprozess und damit verbunden die Kompetenz, sich Wissen selbstständig und eigenorganisiert aneignen, darüber hinaus anwenden und kreative Lösungen für Probleme finden zu können, stehen im Vordergrund.

In der Digitalisierung kann eine gewinnbringende Chance gesehen werden, diese Selbstbestimmung sowie die Selbstorganisation und -steuerung von Lern- und Bildungsprozessen angemessen zu fördern und zu gewährleisten. (vgl. Seufert und Meier 2016, S. 301f.; Netzwerk Digitale Bildung 2016,  S. 2). Es werden Räume und Möglichkeiten geschaffen, in denen die Lehrenden nicht mehr nur als alleinige BereitstellerInnen oder VermittlerInnen von Informationen und Wissen fungieren, sondern in denen Wissen kollektiv entwickelt und diskutiert wird (vgl. Lackner und Kopp 2014, S. 183).

Präsenz vor Ort – Nicht immer das Kriterium für erfolgreiches Lernen

Doch wie sieht es nun aus mit Webinaren, Online-Vorlesungen und Plattformen wie Moodle etc.? Kann digitales Lernen klassische Lernprozesse ersetzen? Lasse ich das bisherige Online-Semester Revue passieren, in dem ich bereits zahlreiche neue Erfahrungen im Bereich des digitalen Lernens sammeln durfte, kann ich diese Frage nun grundsätzlich bejahen. Entgegen meiner anfänglichen Zweifel und der Annahme, dass ein persönlicher Austausch im Form der physischen Anwesenheit in einem Raum nicht ersetzt werden kann, sehe ich digitale Bildung und digitales Lernen als große Bereicherung unserer Bildungslandschaft und als Chance für erfolgreiches Lernen. Präsenz vor Ort muss also nicht zwingend das Kriterium für gelingende Lernprozesse sein.

Allerdings nur, so zeigen auch meine bisherigen Erfahrungen, wenn Lernen auch online gemeinsam stattfindet. Es genügt also nicht, sich Texte in Eigenarbeit zu erschließen oder selbstständig Präsentationen anzuhören – Nein, Lernen besitzt eine soziale Dimension, die es unbedingt zu berücksichtigen gilt. Der Austausch und die Zusammenarbeit der Studierenden müssen also auch in digitalen Lernprozessen sichergestellt sein und gefördert werden. Mit den entsprechenden technischen Möglichkeiten, sprich im Rahmen von Webinaren und digitalen Lernplattformen mit Foren und Wikis lassen sich kooperative Lernprozesse initiieren und so erfolgreiches digitales Lernen gewährleisten. (vgl. Grosch 2018, S. 116).

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass digitales Lernen natürlich auch mit Schwierigkeiten und Herausforderungen verbunden ist. Lernen im virtuellen Raum zeichnet sich für viele Studierende, so auch derzeit für mich, durch einen Mehraufwand aus (vgl. Lackner und Kopp 2014, S. 180). „Weil mediengestütztes, selbstgesteuertes Lernen vielfach weniger gewohnt ist, erscheint konventioneller Unterricht für Lernende subjektiv als weniger aufwändig.“ (Kerres 2012, S. 93). Die Freiheiten, die durch digitales Lernen geschaffen werden erfordern gleichzeitig, wie schon angesprochen, Selbstorganisation und Eigenverantwortung und damit verbundene Kompetenzen über den bloßen Wissenserwerb hinaus. Lernen in virtuellen Räumen erscheint daher oftmals als aufwändiger und zeitintensiver als das klassische Lernen. (vgl. Lackner und Kopp 2014, S. 180). Aber genau dieser Aspekt kennzeichnet, wie oben angesprochen, den Begriff der Bildung und sollte viel mehr als gewinnbringende Chance anstatt als Hindernis von digitalem Lernen begriffen werden.

Fazit

Abschließend möchte ich gerne noch einmal auf meine These zurückkommen. In wie fern kann die Digitalisierung nun als Erfolgsgeschichte unserer Bildungslandschaft gesehen werden? Bereits meine eigenen geschilderten Erfahrungen, auch in Verbindung mit der entsprechenden Literatur, zeigen, welch enorme Chancen in digitalem Lernen stecken. Darüber hinaus macht aber allein schon die Tatsache, dass sämtliche Bildungseinrichtungen ohne Digitalisierung derzeit in der Corona-Krise wohl kaum fähig wären, angemessene Bildungs- und Lernmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, auf das große Potential des digitalen Lernens aufmerksam. Digitalisierung ist ausschlaggebend für den Bildungserfolg. Auch wenn es der Corona-Krise geschuldet ist, dass digitale Bildung aktuell von so großer Bedeutung ist und sich die Frage stellt, wann digitales Lernen ansonsten überhaupt so starken Einzug in unsere Bildungslandschaft erhalten hätte, lässt sich die Digitalisierung in meinen Augen durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Eine Erfolgsgeschichte, die gerade auf dem Weg ist sich zu etablieren – Ein Erfolg, der in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen und unsere Gesellschaft durchdringen wird.

Literatur

Text:

Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.) (2016): Digitale Bildung in Schule, Hochschule und Kultur. Die Zukunftsstrategie der Bayrischen Staatsregierung. München. Verfügbar über: https://www.km.bayern.de/epaper/Digitale_Bildung_in_Schule_Hochschule_Kultur/index.html (Letzter Zugriff 11.05.2020).

Grosch, Martina (2018): Digitale Lernszenarien. Konzept, tutorielle Betreuung und gemeinsame Lernprozesse lassen digitales Lernen lebendig werden. In: PADUA (2018), 13(2), S. 115-117. Verfügbar über: https://econtent-1hogrefe-1com-13w1a5rry00ca.emedia1.bsb-muenchen.de/doi/pdf/10.1024/1861-6186/a000485 (Letzter Zugriff 11.05.2020).

Kerres, Michael (2012): Mediendidaktik. Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote. 3. Auflage, München, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH.

Lackner, Elke und Kopp, Michael (2014): Lernen und Lehren im virtuellen Raum. Herausforderungen, Chancen, Möglichkeiten. In: Rummler, Klaus (Hrsg.) (2014): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken. Medien in der Wissenschaft, Band 67, Münster u.a., Waxmann Verlag GmbH, S. 174-186. Verfügbar über: https://www.pedocs.de/volltexte/2015/10101/pdf/Lernraeume_gestalten_2014_Lackner_Kopp_Lernen_und_Lehren_im_virtuellen_Raum.pdf (Letzter Zugriff 11.05.2020).

Netzwerk Digitale Bildung (Hrsg.) (2016): Zwischen analog und digital. Lernen und Lehren an Schulen und Hochschulen. Köln, SMART Technologies GmbH. Verfügbar über: https://www.netzwerk-digitale-bildung.de/wp-content/uploads/NDB_Whitepaper_Zwischen_analog_und_digital_12Seiten.pdf (Letzter Zugriff 11.05.2020).

Seufert, Sabine und Meier, Christoph (2016): Digitale Transformation: Vom Blended Learning zum digitalisierten Leistungsprozess „Lehren und Lernen“. In: Wachtler, Josef; Ebner, Martin; Gröblinger, Ortrun; Kopp, Michael; Bratengeyer, Erwin; Steinbacher, Hans-Peter; Freisleben-Teutscher, Christian und Kapper, Christine (Hrsg.) (2016): Digitale Medien: Zusammenarbeit in der Bildung. Medien in der Wissenschaft, Band 71, Münster u.a., Waxmann Verlag GmbH, S. 298-302. Verfügbar über: https://www.waxmann.com/fileadmin/media/zusatztexte/3490Volltext.pdf (Letzter Zugriff 11.05.2020).

Bild:

Foto von Vlada Karpovich von Pexels: Verfügbar über: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-tasse-smartphone-laptop-4050315/ (Letzter Zugriff 01.09.2020).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.