Digitale Bildung kann Teilhabe ermöglichen

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Digitale Bildung birgt das Potenzial, mehr Personen einen guten Zugang zu Bildung zu verschaffen, als es die klassische bzw. analoge Bildung alleine vermag.

Die in den vergangenen Jahren stattfindende Digitalisierung beeinflusst verschiedene gesellschaftliche Bereiche und wirkt sich auch auf das Bildungssystem sowie auf die Art, wie Bildung erfolgen kann, aus. Ich gehe davon aus, dass digitale Bildung das Potenzial birgt, mehr Personen einen guten Zugang zu Bildung verschaffen als es die klassische bzw. analoge Bildung alleine vermag. Insbesondere Personengruppen, welche aus verschiedenen Gründen keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu analogen Bildungsangeboten haben, können durch digitale Bildungsangebote neue Bildungschancen erhalten und damit auch ihre gesellschaftliche Teilhabe verbessern. Somit kann digitale Bildung zur Bildungsgerechtigkeit beitragen.

Was ist digitale Bildung?

Um eine Grundlage für meine These zu schaffen, möchte ich zunächst klarstellen, was ich mit digitaler Bildung meine. Dabei lehne ich mich an die Blogbeiträge von Alexander Klier sowie weitere Quellen an. Damit digitale Bildung überhaupt möglich werden kann, braucht es digitale Technologien. Diese sind einerseits durch ihre technischen Eigenschaften (ihre Technostruktur), andererseits durch ihre sozialen Funktionen (ihre Soziokultur) gekennzeichnet (vgl. Klier 2020). Digitale Bildung verstehe ich als Lernen mit solchen digitalen Technologien. In virtuellen Handlungsräumen kommen Lernende und Lehrende miteinander in den Austausch und teilen sowie erarbeiten sich Wissen.

Bei der digitalen Bildung geht es nicht darum, eine digitale Kopie der analogen Lerninhalte zu kreieren, sondern der Bildung zu einer neuartigen Qualität zu verhelfen. Durch digitale Tools werden neue Möglichkeitsräume geschaffen, beispielsweise für Diskussionen auf Foren sowie gemeinsam angelegte Wikis. Aufgrund ihrer Andersartigkeit erfordert digitale Bildung eine andere Haltung gegenüber dem Lernen und auch andere Methoden der Wissensverarbeitung und -verwertung. Dies gilt für Lehrende als auch für die Lernenden. Im Vordergrund stehen kann die Vermittlung von Kompetenzen und ein Anregen zum selbstständigen Lernen (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2016). Digitale Bildung kann also über die Vermittlung von Wissen, welche beim klassischem bzw. analogen Lernen oftmals zentral ist, hinaus gehen.

Potenziale digitaler Bildung

Nach der erfolgten Definition von digitaler Bildung möchte ich meine oben genannte These begründen.
Ein zentraler Aspekt besteht darin, dass digitale Bildungsangebote meist ortsunabhängig in Anspruch genommen werden können. Lehrende und Lernende müssen sich nicht zwingend in dem gleichen Raum aufhalten, können sich aber dennoch auf zahlreichen Wegen austauschen. Dadurch eröffnet sich die Chance, dass auch Personen aus Gebieten mit einer mangelhaften örtlichen Bildungsinfrastruktur Zugang zu attraktiven Interaktionsmöglichkeiten erhalten. Sie können auf einen großen Wissenspool zurückgreifen, auch wenn sich niemand in ihrer direkten Umgebung mit denselben Inhalten beschäftigt.

Bei einigen Bildungsangeboten liegt zusätzlich eine hohe zeitliche Flexibilität vor. Die Lernenden müssen sich nicht notwendigerweise gleichzeitig mit den Inhalten auseinandersetzen, sondern können dies dann tun, wenn es für sie am besten passt. Dies schafft weitere Zugangschancen, beispielsweise für Personen, die sich in unterschiedlichen Zeitzonen befinden aber trotzdem miteinander lernen möchten oder Personen, die aufgrund von Nebenjobs, familiären Verpflichtungen etc. an bestimmte Zeiten für das Lernen gebunden sind.

Des Weiteren ist das Wahrnehmen von digitalen Bildungsangeboten unter Umständen mit geringeren Kosten verbunden als die Nutzung analoger Bildungsangebote. Einerseits können die Anfahrtskosten eingespart werden, andererseits sind viele digitale Bildungsangebote kostenlos oder zumindest günstiger als der klassische Besuch von Bildungsinstitutionen. Somit können Lernende in unterschiedlichen ökonomischen Situationen an Bildung teilhaben (vgl. Bertelsmann Stiftung 2019).

Ein weiterer Aspekt, warum digitale Bildung für mehr Personen einen Bildungszugang schaffen kann ist die Möglichkeit individualisierter Lernangebote. Digitale Bildungsangebote können in vielen Fällen leichter an die heterogenen Fähigkeiten und Kompetenzen der Lernenden angepasst werden. Dies kann insbesondere für Personen, die bei der analogen Bildung auf Barrieren stoßen, ein Gewinn sein. Zu bedenken sind hier beispielsweise Lernende mit körperlichen oder psychischen Behinderungen (vgl. Netzwerk Digitale Bildung) oder mit Migrationshintergrund (vgl. Eickelmann 2015).

Ich möchte noch einmal gesondert auf den Bildungszugang von Menschen mit Behinderung eingehen. Diesbezüglich ist die Barrierefreiheit von Bildungsinstitutionen ein zentraler Aspekt. Beispielsweise weist der Campus Pasing der Hochschule München teilweise räumliche Barrieren für Personen auf, welche auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Dies erschwert ihren Zugang zu den dort verfügbaren analogen Bildungsangeboten.

Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wo digitale Bildung als Chance dienen und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung verbessern kann. Zu beachten ist jedoch, dass es nicht zielführend ist, jene Menschen lediglich auf digitale Bildungsangebote zu verweisen. Wenn sich die Individuen und die Gesellschaft auf den Vorteilen digitaler Bildung „ausruhen“ kann es zu weiteren Exklusionen hinsichtlich Bildung kommen und die Bildungsungerechtigkeit kann sich verstärken. Es gilt also, nicht nur die digitalen Lernangebote für Menschen mit Behinderung zu verbessern, sondern auch die Barrieren bei analogen Bildungsangeboten abzubauen. Die räumlichen Gegebenheiten in Bildungsinstitutionen sind nur eines von vielen Beispielen. Durch entsprechende Anpassungen kann Personen mit besonderen Bedürfnissen ein besserer Zugang zu Bildung ermöglicht werden. 

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass digitale Bildung dafür sorgen kann, dass Personen mit ungleichen Voraussetzungen gemeinsam und voneinander lernen. Allerdings ist zu beachten, dass digitale Bildung nicht automatisch für mehr Bildungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft sorgt. Der Zugang zu qualitativ hochwertigen digitalen Lernangeboten ist für viele Menschen bei Weitem nicht selbstverständlich. Dennoch bietet die Möglichkeit des digitalen Lernens zahlreiche Chancen für Personen, die von klassischen analogen Bildungsangeboten ausgeschlossen sind oder von diesen nur in geringem Maße profitieren können.

Quellen

Bertelsmann Stiftung (2019) Teilhabe: Viele Potenziale bleiben noch ungenutzt. Verfügbar unter: https://www.digitalisierung-bildung.de/2019/08/08/teilhabe-viele-potenziale-bleiben-noch-ungenutzt/ (Letzter Zugriff am 06.05.2020).

Bundesministerium für Bildung und Forschung (2016) Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft. Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Verfügbar unter: https://www.bmbf.de/files/Bildungsoffensive_fuer_die_digitale_Wissensgesellschaft.pdf (Letzter Zugriff am 07.05.2020)

Eickelmann, Birgit (2015) Bildungsgerechtigkeit 4.0. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) Digitale Kompetenzen in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit. Berlin. Verfügbar unter: https://www.wissensatlas-bildung.de/publikation/bildungsgerechtigkeit-40/ (Letzter Zugriff am 07.05.2020).

Klier, Alexander (2020) Virtuelle Präsenz. Verfügbar unter: https://www.alexander-klier.net/blog/ (Letzter Zugriff am 11.05.2020).

Netzwerk Digitale Bildung (o.J.) Thesen für die Digitale Bildung – Empfehlungen an Entscheidungsträger. Verfügbar unter: https://www.netzwerk-digitale-bildung.de/wp-content/uploads/NDB-Thesen-f%C3%BCr-die-Digitale-Bildung.pdf (Letzter Zugriff am 06.05.2020).

Bild von Ketut Subiyanto, gefunden auf www.pexels.com. Verfügbar unter: https://www.pexels.com/de-de/foto/sonnig-kaffee-laptop-notizbuch-4559555/ (Letzter Zugriff am 14.09.2020).

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