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Bildung digital

Die Blogreihe „Virtuelle Präsenz Corona“ von Dr. Alexander Klier ist eine Begleiterscheinung des Seminars „Bildung im digitalem Lernraum“. Die Überschrift der Reihe und insbesondere die Einleitung des ersten der insgesamt drei Beiträge lassen vermuten, das Thema der Blogreihe sei der explosionsartig gewachsene Raum des digitalen Lernens. Aufgrund der Corona-Pandamie sind die allermeisten Schüler:innen und Lehrer:innen, aber auch alle „Erwachsenen“, Auszubildenden oder Studierenden gezwungen, online zu lernen. Was bis vor der Pandemie noch für viele Neuland war und häufig mit starker Kritik und Ängsten belagert war, wurde innerhalb kürzester Zeit zum einzigen Ersatz des ansonsten angesagten Präsenzunterricht im Klassenzimmer und Seminarraum oder am Arbeitsplatz. Die gemeinhin geführte Unterscheidung zwischen virtueller und analoger Realität hat einen entscheidenden Einschnitt erfahren, dessen Konsequenzen erst begriffen werden müssen. Die „Live-Berichterstattung […] :-)“ zum Seminar, wie Klier schreibt, ist die Verknüpfung der aktuellen Ereignisse mit Kliers aus bereits diversen Perspektiven aufgegriffenem Interesse, neben den bekannten Lerntheorien des Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus die Theorie des „Social Learning“ zu etablieren und zu vertiefen. So wird in der Blogreihe hauptsächlich diskutiert, wie sich historisch Lernen und Lehren entwickelt haben, wie Wissen produziert wird oder was Bildung oder gebildet sein bedeuten kann und sollte. Neben dieser medialen Wissensvermittlung im geschrieben Wort, ist es insbesondere der Kontext der Blogbeiträge, der bei den Studierenden und anderen interessierten Leser:innen das bewirkt und veranschaulicht, was Klier Bildung nennt. Klier veranschaulicht den Lesenden direkt, was aus humanistischer Perspektive bedeutet, gebildet zu sein.

 „Gebildete Menschen reagieren nicht auf Reize, sie antworten auf Fragen.39 Gebildete Menschen setzen sich physisch und geistig mit Inhalten auseinander, um die Themen durchdringen zu können. Ich kann mir gerade auf digitalen Plattformen – und das anerkanntermaßen – Zeit lassen, verzögert auf einen Forenbeitrag oder Blogpost zu antworten. Bildung heißt auch umgekehrt, auf reflektierte Antworten warten zu können, um sie, gemeinsam mit allen Beteiligten, zusammen-zu-denken und dabei kollaborativ weiter zu entwickeln.40 Mit anderen Worten: gerade digital kann eine bildende Auseinander-Setzung erfolgen, weil das asynchrone und transparente Zusammen-Denken im öffentlichen digitalen Raum meist schon eingerichtet ist.41“.

Klier in Teil drei der Blogreihe, Fußnoten und Hervorhebungen wie im Original: https://www.alexander-klier.net/virtuelle-praesenz-corona-3/

Bildung als Dialektik zwischen Fürsorge und Selbstsorge

Durch die Form der Kommunikation und die Bestimmung der Arbeitsweise, nämlich einen eigenen Blogbeitrag in Reaktion auf Kliers Beiträge zu verfassen, gelingt es Klier, Bildung und Wissen zu vermitteln. Er erzeugt den Raum, der notwendig ist, um sich zu bilden. Bildung in humanistischer Lesart, so Klier in Teil drei der Reihe, sei mehr als reines Lernen bzw. Auswendiglernen oder eintrichtern von Wissen. Bildung bedeutet die Dialektik zwischen „Fürsorge und Selbstsorge“ aufzuspannen und eine „umfassende Selbstreflexion“ zu befeuern. Eine Reflexion, die möglicherweise schmerzhaft veranschaulicht: „Irrtümer und Fehler, aber auch ihre Korrekturen, sind „unverzichtbare Momente“ echter Bildung“, so Klier in Anschluss an Andreas Dörpinghaus.

Der poietische Raum

Der Auftrag, eine Antwort auf die Blogreihe zu verfassen, zwingt die Lesenden sich mit dem Thema der Reihe auseinanderzusetzen, sich durch die Reflexion des Gelesenen und anhand der Formulierung einer eigenen Fragestellung zu motivieren, dort eine Antwort zu finden, wo keine Frage vorgegeben ist. Die anschließende Veröffentlichung der eigenen Gedanken macht diese Auseinandersetzung mit den eigenen Überlegungen transparent, macht die persönlichen Fehler und Irrtümer sichtbar. Diese Transparenz und die Teilhabe der Lesenden, der Wechsel von Lesenden zu Schreibenden und umgekehrt, schafft im digitalen Raum einen poietischen Raum, einen Raum des gemeinsamen Produzierens und Erschaffens von Wissen beziehungsweise der Erkenntnis über unser Nicht-Wissen. Es findet das statt, was Klier als „Social Learning“ beschreibt.

Mathetik: der relativistische Standpunkt

Die Frage, die sich in Bezug auf das Social Learning stellt, ist, ob diese Reflexion von Kliers Didaktik reicht. In der ersten Fassung dieses Beitrags war ich mir sicher, dass ich einen eigenen Gedanken, eine eigene Frage formulieren muss, um der Gemeinschaft der Lernenden etwas meines Denkens zur Verfügung zu stellen. Ich hatte das Gefühl nur Inhalte, die schon von Klier formuliert wurden, zusammenzufassen. Aber natürlich beginnt hier Bildung. Mit meinem Blogbeitrag antworte ich direkt auf Kliers Blogreihe und somit öffnet sich der poietische Raum in dem gemeinsam Wissen konstruiert wird und somit wird sehr wohl ein Lernbeitrag geleistet wird. Im direkten Austausch werden die Inhalte reflektiert und diskutiert, es findet ein Austausch auf Augenhöhe statt. Dieser Austausch offenbart, was unter Mathetik zu verstehen ist. Der Begriff der Mathetik ist weiter gefasst als der, der Didaktik. Didaktik meint die „Kunst und die Wissenschaft des Lernens und Lehrens“ (wikipedia: didaktik). Mathetik ihrereseits ist ein konstruktivistisch geprägtes Verständnis von Lernen, das die Eigenaktivität der Lernenden fordert, dabei verpflichtet sich die lehrende Person „einen relativistische Standpunkt“ einzugehen, also die Bereitschaft zu haben, eigenes Wissen und eigene Annahmen infrage zu stellen um so gemeinsam mit Lernenden das Wissen zu konstruieren (vgl. wikipedia:mathetik). Die Chance die Klier als Dozent und Lernbegleiter gibt, ist das Wissen und die Inhalte seiner Blogreihe als Aufhänger, als Input für eigene Fragen zu nutzen und so gemeinsam Wissen über Bildung im digitalen Raum zu konstruieren. Der relativisitische Standpunkt wird deutlich, weil es möglich ist schon geschriebenes zu reflektieren und dahingehend neue Fragen zu formulieren. So findet ein Austausch auf Augenhöhe und eine Konstruktion von Wissen statt. Den Beitrag den dieser Blogbeitrag somit liefert, ist der gemeinsame Austausch und die weitere Konstruktion zum Thema Social Learning als Antwort auf Kliers Inhalte.

Social Learning?

Die Blogreihe Kliers lässt als offene Frage zurück, ob in Folge der Blogproduktion, also über die eigene Produktion hinaus, ein Austausch auf Augenhöhe unter allen Seminarteilnehmenden stattfinden kann und wird. Diese Frage kann nun am Ende des Semesters beantwortet werden. Der asynchrone Austausch findet statt. Zwar kann nicht jeder Blogbeitrag beantwortet werden. Doch hier und da fand eine tiefgreifende von Emotionen begleitete Reflexion und Auseinandersetzung mit den Themen der Mit-Lernenden statt:

„Die anschließende Diskussion zu den Inhalten und auch die eigenen Blogbeiträge dazu, lösen Emotionen aus, also zumindest hat mich gerade dein Blogbeitrag so gefesselt, dass ich Lust bekam mich weiter damit auseinander zu setzen und auch Lust bekam, mit dir gemeinsam an dem Thema weiter zu denken. Diese Lust ist ja eine der Emotionen, die auch Gerald Hüther immer wieder anspricht und für die er in seinen Interviews plädiert (2). Und dann wäre über diesen Weg, Input – eigene Auseinandersetzung – gemeinsame Reflexion in der Peer-Gruppe, unabhängig von Zeit und Raum, eine (und hier würde Alexander [Klier] jetzt dafür plädieren) Mathetik geschaffen, wie Lernen, im Sinne der Selbstbildung und der Bildung aus erster Hand, im digitalen Raum stattfinden kann“.

Diskussion zum Blog von Christine Völk vor der Veröffentlichung: https://mathetik-online.de/back-to-the-roots-to-start-the-future-bildung-neu-humboldtisieren

Diese Antwort wurde auf den Blogbeitrag von Christine Völk gegeben. Dieser kurze Ausschnitt der Diskussion macht deutlich, dass die Reflexion und das Geben eines Feedbacks auf den Beitrag einer Mit-Lernenden einen Lernprozess anstieß. Hier offenbart sich der Sinn, die Wirkweise und die Wissenskonstruktion des Social Learnings praktisch erlebbar. Der asynchrone Austausch ermöglicht es, Themen aufzugreifen und sich wahrhaftig damit auseinander zu setzen und so wertvolle Feedbacks zu geben. Lernen findet dann im gemeinsamen Austausch in der gemeinsamen Reflexion statt. In diesem Fall waren wir zu dritt (Klier klinkte sich mit ein). Aber wäre es wünschenswert, dass sich mehr Co-Lerner:innen mit an der Diskussion beteiligen oder ist gerade diese spontane Bildung von Gruppen der Vorteil dieser freien, selbstorganisierten Art des Lernens?