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Ungleichheit im Bildungswesen

In vielen Erhebungen wurde aufgedeckt, und das nicht erst seit den Pisa-Studien, dass Ungleichheiten durch das Schulsystem in Deutschland vergrößert werden. Diese ungleichen Startvoraussetzungen wirken sich wiederum auf den persönlichen Bildungs- und Ausbildungsweg der Kinder und Jugendlichen aus und dadurch auch auf deren gesamte Zukunft. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, die Ungleichheiten zu erforschen und Wege für mehr Bildungsgerechtigkeit zu finden.

Diese Bildungsungleichheit muss dabei stets von zwei Seiten betrachten werden: zum einen die Situation der Lernenden und zum anderen die der Lehrenden. Die Lernenden (Kinder, Jugendliche oder Erwachsene) weißen unterschiedliche Lebenssituationen und Kapitalausstattungen auf, was sich immens auf das Lernverhalten auswirken kann. Auf der anderen Seite ist das Bildungssystem sehr starr und es gibt nur wenige Möglichkeiten der individuellen Förderung, auch aufgrund des festen Lehrplans. Außerdem sind Schulen finanziell und materiell häufig eher schlecht ausgestattet und teilweise besteht darüber hinaus ein Mangel an Lehrpersonal.

Weiterhin kann die Frage gestellt werden, inwieweit das Lehramtsstudium inhaltlich und pädagogisch an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst wurde. Betrachtet man die Gestaltung des Unterrichts, sowohl in der Schule als auch in den weiterführenden Bildungsmöglichkeiten wie bspw. Hochschulen, hat sich vom Ablauf nicht viel verändert und die Vermittlung von Inhalten findet nach wie vor eher frontal statt. Lediglich die Medien haben sich im Laufe der Zeit stark verändert, können aber oft nur zum Teil angewendet werden, da es entweder an Kompetenzen mangelt oder auch an der Ausstattung der Bildungsstätten. Im Gegensatz zu Lehrer*innen erhalten Professor*innen keine Ausbildung oder Weiterbildung im Aufbau und Aufbereitung von Lehrmaterialien. Hier stellt sich auch die Frage, ob eine kurze Einführung oder Weiterbildung vorteilhaft für die Qualität der Hochschul- oder Universitätslehre wäre.

Digitalisierung als Chance

Im Bericht ‚Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft‘ der Bundesregierung für Bildung und Forschung wird die Digitalisierung als Chance gesehen, diesen Unterschieden zu begegnen und Lücken zu schließen. Das Ziel der digitalen Bildung unterscheidet sich kaum von dem des bisherigen Bildungsbegriffs:

„Sie soll den Menschen helfen, sich als selbstbestimmte Persönlichkeit in einer sich beständig verändernden Gesellschaft zurechtzufinden und verantwortungsvoll ihre eigenen Lebensentwürfe zu verfolgen“ .

(Bundesregierung für Bildung und Forschung 2019, S. 2)

Dies sei auch nötig, um in Zukunft auch weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Hierfür muss das Lernen und das Lehren neu gestaltet werden, damit Heranwachsende einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien lernen. Als Antwort auf Herausforderungen wird hier die bedarfsorientierte Differenzierung und Vielfalt gesehen. Zentral sind dabei die Vermittlung von digitalen Kompetenzen und das Lernen mit digitalen Medien. Das digitale Bildungsangebot hat weiterhin die Chance, dass flexibel, zeit- und ortsunabhängig gelernt werden kann und erleichtert so individualisiertes und kooperatives Lernen. Dies wird durch digitale Bildungsangebote wie Lern-Apps, online Nachhilfe oder massive open online Courses weiter unterstützt. Dies alles kann als Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit gesehen werden.

Diese Ziele müssen dabei auf das ganze Bildungswesen angewendet werden, also auch auf Hochschulen und Universitäten. Große Unterschiede ergeben sich hier vor allem bei der Lebenssituation, da Studierende häufig nicht mehr im familiären Unterstützungsumfeld leben, sondern sich selbstständig versorgen müssen. Eine große Rolle spielt hier die finanzielle Lage, da viele neben dem Vollzeitstudium noch berufstätig sind bzw. auch sein müssen. Das Ziel des flexiblen und individuellen Lernens würde dabei auch die Vereinbarkeit von Studium und Berufstätigkeit verbessern. Aufbereitete Inhalte, die zeit- und ortsunabhängig bearbeitet werden könne, sind nicht nur für Studierende hilfreich, sondern auch für Lehrende. Diese können sich zum Teil weite Pendelstrecken ersparen und auch an mehreren Hochschulen zu genau ihrem Thema unterrichten bzw. die Inhalte für mehr Studierende anbieten als in einer direkten Vorlesung.

Rolle von Lehrenden

Aber nicht nur die Lernprozesse oder -methoden ändern sich, sondern auch die Rollen und Erwartungen auf beiden Seiten. Lernende können selber mitwirken, wie schnell und wo sie lernen und haben dadurch mehr Einflussmöglichkeiten. Auf der anderen Seite sind die Lehrenden nicht nur Bildungsvermittler*innen, sondern begleiten die Lernprozesse der Lernenden. Dieses andere Rollenbild wurde auch im TED Talk mit Michael Bodekaer thematisiert. In Simulationen als Lehrmethode sieht er die Lehrkräfte immer noch als elementar an, aber vielmehr als Begleiter*innen und Unterstützer*innen. In dieser Kombination können enorme Lernfortschritte gefördert werden.

Grenzen der Digitalisierung

Das alles hört sich grundsätzlich sehr gut an. Die Frage ist, inwieweit diese Strategien oder Ziele bereits umgesetzt werden bzw. auch werden können. Durch die Corona-Pandemie wurde dieser Prozess stark vorangetrieben und könnte als erste Probephase des digitalen Lernens angesehen werden. Schnell wird hier klar, dass die digitale Infrastruktur noch nicht ausreichend ausgebaut ist. Lehrende wurden bisher noch nicht ausreichend für die neuen Medien und Tools qualifiziert, auch nicht im Rahmen von Corona. Angebote mussten durch die Pandemie zeitnah erstellt werde, die teilweise schnell überlastet und nicht mehr nutzbar waren. Außerdem sind die Bildungsstätten oft nicht ausreichend mit angemessenen Equipment ausgestattet. Und das sind lediglich die Herausforderungen auf der schulischen Seite.

Auf der anderen Seite sind die Lernenden und ihre Familien zu betrachten. Abgesehen vom Netzausbau müssen die Lernenden erst einmal über passende Endgeräte verfügen und damit sind nicht nur aktuelle, sondern auch kompatible Geräte gemeint. Hinzu kommt, dass der Lernplatz nun nach Hause verschoben wurde und dort ein angemessener Lernort und -atmosphäre geschaffen werden muss. Dies kann in kleinen Wohnungen bzw. bei großen Familien, in Wohngemeinschaften oder Wohnheimen eine Schwierigkeit darstellen. Außerdem fehlen der direkte Austausch bzw. die Möglichkeiten des Erklärens und die Eltern oder andere Vertrauenspersonen müssen diese Aufgabe übernehmen, wofür sie zunächst über ausreichend Zeit und Wissen verfügen müssen. In diesem Lernzeiten müssen die Kinder und Jugendlichen darüber hinaus betreut werden, was sich zum Teil nur schwer mit Arbeitszeiten vereinbaren lässt. Auf der anderen Seite sind auch Studierende berufstätig und müssen sich die Zeit passend einteilen.

Fazit

Mit dem aktuellen Stand der Digitalisierung der Bildung kann noch keine klare Antwort auf die Frage gegeben werden, ob Digitalisierung die Rettung der Bildung ist bzw. sein könnte. Hier befinden wir uns gerade noch in den ersten Schritten und die genaue Ausrichtung wurde noch nicht klar vorgegeben oder erstellt. Dies zeigt sich vor allem auch jetzt während der Corona-Pandemie. Die Schulen sind noch einmal weniger als die Hochschule auf eine online Lehre vorbereitet. Tools müssen erst erstellt und der Lehrplan bzw. die Inhalte müssen angepasst werden.

Auf der anderen Seite sind einige Lernende nicht mit funktionsfähigem Internet oder passenden Endgeräten ausgestattet. Dies führt dazu, dass Lehrkräfte die Bildungseinheiten zum Teil per Post schicken müssen oder Hausbesuche als notwendig erachtet werden. Sind diese Rahmenbedingungen nicht geklärt bzw. werden diese nicht weiter ausgebaut, führt die Digitalisierung zu einer noch größeren Ungleichheit und verfehlt das Ziel der Bildungsgerechtigkeit. Dass es aber auch anders gehen kann, zeigt Dänemark. Hier wurden viele Lernenden mit einem mobilen Endgerät ausgestattet, damit digitale Bildung für alle Kinder und Jugendlichen ermöglicht werden kann.

Für eine erfolgreiche digitale Bildung müssen aber auch die Lehrinhalte an die neuen Medien angepasst werden. Bisher geplante Inhalte können deswegen nicht eins zu eins aufgenommen und als digitale Bildung verkauft werden. Aufgenommene Vorträge oder kommentierte Folien bilden keinen ausreichenden Ersatz für bisherige Lehrmöglichkeiten, in denen ein direkter Austausch und Interaktion möglich ist. Hierfür müssen passende Tools entwickelt und sowohl die Lernenden als auch die Lernenden in der Handhabung dieser geschult werden. Beide Seiten müssen sich hierfür ausreichend strukturieren und offen aufeinander zugehen, damit gelingendes Lernen funktionieren kann. Auch muss auf beiden Seiten die Bereitschaft vorhanden sein, sich mit neuen Methoden und Möglichkeiten auseinanderzusetzen und sich gegenseitig Zeit und Rückmeldung für Anpassungen zu geben.

Werden die jetzigen Erfahrungen genutzt und die Strukturen angepasst bzw. verbessert, dann stellt die Digitalisierung eine riesen Möglichkeit dar, den Bildungsweg gerechter zu gestalten, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, Ungleichheiten entgegenzuwirken und bei der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen mitzuwirken.  

Quellen

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