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Wird der Begriff der digitalen Bildung verwendet, dann wird meist darüber diskutiert, wie Bildung angesichts des fortlaufenden Veränderungsprozesses der digitalen Transformation gestaltet werden soll. Dabei fällt auf, dass gerne mit der unbedingten Notwendigkeit eines „zeitgemäßen Unterrichts“ argumentiert wird, welcher erst durch die Nutzung digitaler Werkzeuge ermöglicht werden könne [1][2]. Für mich ist es wichtig, diesen Blickwinkel hervorzuheben, denn mit ihm wird der Gedanke befördert, dass etwa das Fehlen einer digitalen Tafel oder eines iPad-Koffers als Defizit zu betrachten sei. Gleiches gilt, wenn solche Technik zwar vorhanden ist, aber der Eindruck entsteht, dass diese nicht oft genug verwendet werde. So schreibt etwa Christian Lindner im Kontext der Entwicklungen um Covid-19, dass wir nun einen „digitalen Quantensprung für unser Bildungssystem“ brauchen, damit auch „angeschaffte Technik dauerhaft Eingang in moderne digitale Lern- und Lehrmethoden findet“ [3].

In diesem Zusammenhang scheint oftmals ein vermeintlich bedeutsamer Schluss gezogen zu werden: Digitale Werkzeuge durchdringen unsere Lebenswelt, also müssen solche Werkzeuge auch im Bildungsbereich zunehmend genutzt werden [4]. In meinen Augen wird damit ein Bild geprägt, als sei digitale Bildung etwas zum Anfassen. Schließlich stehen an vielen Stellen Ausstattungsoffensiven für Bildungseinrichtungen im Fokus der Thematik, die nicht zuletzt auch vom Bund aktiv vorangetrieben werden. So heißt es im Koalitionsvertrag, man möchte Schulen im Rahmen des Digitalpakts „so ausstatten, dass die Schülerinnen und Schüler in allen Fächern und Lernbereichen eine digitale Lernumgebung nutzen können, um die notwendigen Kompetenzen in der digitalen Welt zu erwerben [5]“. Zudem sollen die einzelnen Länder sicherzustellen, dass Lehrkräfte die erforderlichen Qualifikationen hierfür erwerben [6].

Digitale Bildung wird damit als eine Reaktion auf technologische Entwicklungen verstanden, welche wir nun innerhalb des Bildungssystems einsetzen müssten, um zeitgemäßen Unterricht zu ermöglichen. Wie Felicitas Macgilchrist herausstellt, wird diese Perspektive von den bekannten Metaphern vorangetrieben, dass man im Bildungsbereich neue Entwicklungen „verschlafen“ habe oder „meilenweit hinterherhinke“ und es nun darum ginge, endlich „aufzuholen“ und neue Bildungsmedien nicht zu „verpassen“ [7]. Auch Christian Lindner schreibt im Rahmen seiner Forderung nach einem digitalen Quantensprung für unser Bildungssystem: „Wir müssen endlich aufholen. [3]“ Dies erweckt insgesamt den Eindruck, dass ein verstärkter Einsatz von technologischen Werkzeugen im Bildungsbereich aufgrund der digitalen Transformation dringend notwendig sei. Die Problematik in diesem Zusammenhang bringt für mich Felicitas Macgilchrist am besten auf den Punkt:

„Digitale Technologien werden zu Werkzeugen reduziert und zum Selbstzweck eingesetzt: Sie sollen kreativ genutzt werden, um sie kreativ nutzen zu können.“
[7]

Vor dem Hintergrund des vielfach bemühten Bildes, im Bildungsbereich hinter jeglichen technischen Entwicklungen zurückzuliegen, weist sie damit gewissermaßen auf die Gefahr hin, dass digitale Technologien schlicht genutzt werden, um zu zeigen, dass man sie nutzt. Schließlich müsse man sie ja nutzen um „aufzuholen“ und endlich „digital“ zu sein. Digitale Bildung wird damit lediglich auf einen blinden Einbettungsprozess technologischer Angebote reduziert, ohne diese in einen weiteren Kontext zu setzen.

Dieser Umstand ist mir ebenso aus meinem eigenen Arbeitskontext bekannt, in welchem ich mit Projekten zur Förderung von Medienkompetenz in Berührung komme. Es lassen sich hier verschiedenste Projekte finden, bei denen digitale Werkzeuge lediglich als Selbstzweck eingesetzt werden, damit MitgliederInnen von Bildungseinrichtungen lernen, wie sie diese wiederum selbst zum Selbstzweck einsetzen können. Ich erinnere mich beispielsweise an die Konzeptionsphase eines neuen Projektes für Lehrkräfte, welche durch den Gedanken geleitet war, Hauptsache irgendetwas mit den angeschafften iPads anzustellen. Mit den Geräten sollte dann wiederrum eine bestimmte App im Kontext einer vollkommen nebensächlich erscheinenden Thematik auf kreative Weise eingebunden und für die Übernahme in den Unterricht erprobt werden, so dass es sich scheinbar gelohnt hat, die iPads zu verwenden. Man hat schließlich was gelernt, wenn auch unerheblich für die eigentliche Thematik. Ob man dies dann als einen Beitrag zur Medienkompetenz verstehen soll, empfinde ich als fragwürdig.

Doch folgt man den Ausführungen von Macgilchrist [7], dann sind eben gerade die hierzulande erwünschten Kompetenzen im Kontext digitaler Bildung durch ein Primat des Technischen gekennzeichnet, was letztlich den beschriebenen Selbstzweck befördert. Sie verweist hierbei auf die 2016 beschlossene Strategie der Kultusministerkonferenz (KMK) mit insgesamt 61 formulierten „Kompetenzen in der digitalen Welt“ [8]. Laut Macgilchrist [7] lässt sich konkret bei 41 von den 61 Kompetenzen ein Primat des Technischen feststellen.

Leider erläutert sie in ihrer Ausarbeitung nicht näher, welche 41 Kompetenzen es nun genau sind, bei denen sie ein Primat des Technischen erkennt. Dieser Umstand hat bei mir das Interesse hervorgerufen, jene Kompetenzen selbst genauer zu betrachten und darüber nachzudenken, inwiefern ich diese unter dem genannten Aspekt einordnen würde. In dieser Hinsicht ist für mich ebenfalls bei einem Großteil der Kompetenzen – eindeutig erkenne ich dies bei 38 Kompetenzen – ein Primat des Technischen feststellbar. Anstatt nun aber in mein persönliches Urteil abzutauchen, möchte ich vielmehr zur eigenen Reflexion über jene Kompetenzen einladen. In der folgenden Grafik der KMK [8] sind in den orangenen Kästchen die 61 Kompetenzen dargestellt. Die Kästchen mit anderen Farben sind lediglich Überkategorien. Jene Kompetenzen, bei denen ich in meiner eigenen Reflexion eindeutig ein Primat des Technischen feststellen konnte, habe ich außerdem lila markiert:

Abbildung Kompetenzen in der digitalen Welt der KMK [8]

Mir ist es hierbei insgesamt wichtig herauszustellen, dass wir allein durch die Nutzung digitaler Werkzeuge nichts über deren gesellschaftlichen Kontext erfahren, doch jener erst der digitalen Transformation ihren Wert gibt. So schaffen die digitalen Werkzeuge etwa nicht nur neue Kommunikations- und soziale Interaktionsformen, sondern auch Ausschlussmechanismen, die Reproduktion von Vorurteilen oder Ungleichheiten durch algorithmische Entscheidungsprozesse, auf NutzerInnen-Daten basierende Geschäftsmodelle oder die Verschiebung gesellschaftlicher Machstrukturen [7]. Diese gesellschaftlichen Dimensionen der digitalen Transformation stellen für mich den Kern digitaler Bildung dar. In diesem Verständnis ist digitale Bildung etwas, das man nicht anfassen kann, aber das im Gegensatz zum technikzentrierten Blickwinkel Einfluss und Teilhabe ermöglicht. Digitale Werkzeuge können Teil des Lernprozesses sein.

Quellen:  

[1] https://digitale-schule.blog/oekosystem-digitale-schule/interaktiver-und-zeitgemaesser-unterricht/

[2] https://www.netzwerk-digitale-bildung.de/blog/5-jahre-netzwerk-digitale-bildung-die-zukunft-des-lernens-nicht-dem-zufall-ueberlassen/

[3] https://www.tagesspiegel.de/politik/verschlafene-digitalisierung-der-schulen-wir-brauchen-einen-quantensprung-im-bildungswesen/25783382.html

[4] Brüggen, Niels (2019) Bildung der Jugend für den digitalen Wandel. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Jg. 69 (27–28/2019) S. 30-35.

[5] https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975226/847984/5b8bc23590d4cb2892b31c987ad672b7/2018-03-14-koalitionsvertrag-data.pdf?download=1

[6] https://www.digitalisierung-bildung.de/2018/03/28/innovationstreiber-schule/

[7] Macgilchrist, Felicitas (2019) Digitale Bildungsmedien im Diskurs. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Jg. 69 (27–28/2019) S. 18-23.

[8] http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2018/Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt_idF._vom_07.12.2017.pdf

[9] https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/2016_12_08-KMK-Kompetenzen-in-der-digitalen-Welt.pdf

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