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Ein dreiteiliger Podcast der Studentinnen Anna Maletz, Luisa L., Theresa Dei und Sophia Stein im Masterstudiengang „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe“ des Sommersemesters 2019.

Teil 2 – Onlinekurse an der Hochschule

Engagiert und sehr fundiert stellen die vier Studentinnen ihre zentralen Erkenntnisse des Kurses vor, um weitere Entwicklungen anzustoßen. Der zweite Teil behandelt das Thema Erwachsenenbildung und Formate (an Hochschulen), ganz im Sinne eines Studiums und seiner (vielfältigen) digitalen Möglichkeiten.

Allgemeiner Hinweis zum Podcast 

Die Interviews und deren Inhalte beziehen sich im Wesentlichen auf die weiter unten angegebene Literatur und deren zentralen Studienergebnisse. Sie stellen nicht automatisch meine eigene Position (Alexander Klier) oder die offizielle Linie der Hochschule München dar.

Deshalb ist zu erwähnen, dass die Charaktere im Interview frei erfunden wurden, um die Handlungsempfehlungen der Studienergebnisse den Hörer*innen näher zu bringen. Die Hochschule München, deren mögliche Abteilungen und Mitarbeitenden wurden ebenfalls – als fiktive Umsetzungsinstanz – gestaltet.  

Konkrete Umsetzungsinitiativen der Hochschule München sind unter anderem im  folgenden  Link aufrufbar: 
https://www.hm.edu/allgemein/hochschule_muenchen/hochschulleitung/strategische_projekte/projekt_digitalisierung.de.html

Das Transkript

„Herzlich Willkommen zurück, bei ‚Digitale Medien – dem Podcast über Digitalisierung und  digitale Transformationsprozesse‘. Mein Name ist Anna Maletz und ich freue mich auch heute  wieder auf einen spannenden Austausch. Schön, dass Sie mit dabei sind.“

So beginnt der Podcast, in dessen zweiter Folge Anna Maletz und Theresa Dei sehr konkret über Möglichkeiten von Erwachsenenbildung und ihren Formaten an Hochschulen reden. Für alle, die es auch textlich nachvollziehen wollen (beispielsweise, um zu zitieren), folgt nun der Inhalt.

Onlinekurse als ergänzendes Angebot

Anna Maletz (A.M.): Heute habe ich Theresa Dei zu Gast in meinem Studio. Sie ist in der  Hochschul- und Erwachsenenbildung an der Hochschule München tätig und beschäftigt  sich seit mehreren Jahren intensiv mit Online-Kursen als ergänzende Form zur analogen klassischen Vorlesungsformaten. Vielen Dank Frau Dei, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. 

Theresa Dei (T.D.): Hallo und danke für die Einladung.  

A.M.: Frau Dei, Sie prüfen aktuell bei Ihrer Tätigkeit als Bildungsreferentin bzw. Dozentin an der Hochschule München, ob sich sogenannte ‚MOOCs‘ dafür eignen, die klassische analoge Wissensvermittlung so wie wir sie heute kennen, an der Hochschule München zu erweitern und diese miteinzubinden.  

Zunächst einmal, was ist eigentlich ein MOOC? 

T.D.: Ja, also ein MOOC ist ein sogenannter Massive Open Online Kurs. Diese Online-Kurse  kombinieren – als allgemein offene Online-Kurse – einmal konventionelle und mediale Formen der Wissensvermittlung wie Lernvideos, Seminartexte und Übungsaufgaben mit seminarbegleitenden Foren, in denen Lehrende und Lernende miteinander kommunizieren und Lerngemeinschaften bilden können. 

Man kann dabei nochmal unterscheiden zwischen xMOOCs und cMOOCs. Während xMOOCs im Wesentlichen auf Video aufgezeichnete Vorlesungen mit einer Prüfung darstellen, haben cMOOCs eher die Form eines Seminars oder Workshops. 

A.M.: Das klingt sehr spannend und was ist genau das Besondere daran? 

T.D.: Zum einen, dass MOOCs zunächst einmal auf Zugangs- und Zulassungsbeschränkungen verzichtet und diese damit wirklich für alle Menschen offen stehen. Mit MOOCs können wir viele Menschen erreichen und es erleichtert auch unsere Vernetzung mit unseren Partnerhochschulen  im Ausland. Studierende haben über diese Kurse die Möglichkeit sich weltweit zu vernetzen. Es kann theoretisch überall von der Welt aus Bildung vermittelt werden und stattfinden, das ist doch toll, oder?

Vorteile von Onlinekursen

A.M.: Ja das hört sich wirklich gut an, gibt es denn noch weitere Vorteile dieser Online-Kurse? 

T.D.: Ja, die gibt es. Und zwar haben unsere Studierenden die Möglichkeit, Zusatzzertifikate zu erwerben, die wiederum gut für Bewerbungen geeignet sind. Zudem fallen erst einmal keine  Gebühren an, man benötigt lediglich einen Internetzugang. 

Auch vor dem Eintritt oder einem Wiedereintritt ins Berufsleben können MOOCs dabei helfen, wieder auf den aktuellen Stand eines Gebiets zu kommen oder sich neu zu orientieren. Hier  besteht vielleicht auch eine Möglichkeit, Arbeitsgruppen von Gleichgesinnten zu bilden, mit  denen man Kurse gemeinsam bearbeitet, möglichst mit Anrechnung auf die Arbeitszeit. Aber  das ist jetzt schon über unseren Hochschulkontext hinausgedacht. Große Firmen wie SAP machen sich solche Kurse schon länger zu Nutze. Ich sehe hier wirklich viel Potenzial. 

A.M.: Wie sieht es denn aktuell im Bereich der Hochschulbildung mit dem Einsatz von Online- Kursen aus? 

T.D.: Das ist eine sehr gute Frage. Dazu gibt es eine sehr gute Studie von Imke Jungermann und  Klaus Wannemacher speziell zu Innovationen in der Hochschulbildung. Sie haben Massive Open Online Kurse in der Hochschulbildung genauer untersucht und sind zu ein paar sehr  interessanten Ergebnissen gekommen. In unserer Bildungslandschaft setzen sich Entscheidungsträger immer mehr mit der Entwicklung im MOOC-Bereich auseinander, allerdings sind auch ablehnende Haltungen zu erkennen. Es gibt leider noch keine flächendeckende Ausbreitung von MOOCs an deutschen Hochschulen und es fehlt noch eine gewissen Dynamik. Es wäre sehr viel Potenzial vorhanden, zumal die Sichtbarkeit der  Hochschulen und deren Wettbewerbsfähigkeit erhöht werden würden.

Mögliche Nachteile von Onlineformaten

A.M.: Woraus können sich Nachteile ergeben? 

T.D.: Ja also in der Kritik stehen speziell xMOOCs, also die auf Video aufgezeichneten Kurse, aufgrund ihrer geringen Absolventenquote. Es wurde ermittelt, dass oft nicht einmal 10 % der  Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese Kurse erfolgreich abschließen. Gründe können hier zum Beispiel sein, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer doch feststellen, dass der MOOC zu viel Zeit erfordert. Durch das einseitige Zuhören des Vortragsformats können Ermüdungserscheinungen auftreten und oft sind Kurse didaktisch schlecht aufbereitet. Auch an vorgesehenen Prüfungen wird oft nicht teilgenommen, weil es Teilnehmerinnen und Teilnehmern zunächst einmal darum geht Wissen zu erwerben und nicht in erster Linie um das  Zertifikat, das sie erwerben können.  

Durch die niederschwellige Verfügbarkeit von MOOCs besteht zudem die Gefahr, dass sich Bildungsbestrebungen verselbständigen und aus dem Ruder laufen. Schon heute sammeln Manche die Zertifikate, damit das Bewerbungsschreiben besser aussieht. Je mehr MOOC-Zertifikate man beiliegen kann, desto mehr persönlichen Einsatz, Selbstorganisation, Sprachkenntnisse und Ähnliches belegt die Bewerbung in Form „teurer Signale“. Dies könnte, vor allem im beruflichen Bereich, in ein „Wettrüsten“ ausarten, das die Einzelne und den Einzelnen viel Zeit  und Geld kostet. Je mehr diese Möglichkeit genutzt wird, desto mehr besteht die Gefahr, dass sie sie zum Zwang wird, um einem Arbeitsplatz zu erhalten oder zu behalten. Teilnehmerinnen  und Teilnehmer stehen dann in einem globalen und gesichtslosen Wettbewerb um die  Spitzenplätze, die einen Job versprechen. Dabei geben sie bereitwillig Daten preis, zum Beispiel darüber, wie oft sie welche Frage falsch beantworten. 

Bei der zusätzlichen und rein individuellen Nutzung von MOOCs ist außerdem eine perfekte Selbstorganisation Pflicht, sonst wird es schwierig. Zudem sind auch gute Englischkenntnisse erforderlich. 

A.M.: Das klingt danach, dass doch nicht jeder Zugang zu den online-Kursen haben kann, oder? 

T.D.: Ja, das ist auch ein weiterer wichtiger und kritischer Punkt. Die digitale Spaltung, die ja in aller  Munde ist, muss auch im Bereich der Nutzung von online-Kursen ernst genommen werden. Viele Menschen haben nun mal keinen technisch ausreichenden Zugang zum Netz. Und nicht  jeder verfügt über ausreichend Ressourcen, das Netz trotz technischem Zugang auch produktiv zu nutzen. Leider weitet sich, gerade eben durch online-Kurse diese digitale Kluft noch aus. Wir haben hier auch noch keine wirklich gute Lösung gefunden. Ich persönlich finde eine Einführung einer Charta der digitalen Grundrechte, wie es ja aktuelle diskutiert wird, sinnvoll. 

A.M.: Wie schätzen Sie denn persönlich die Zukunft von MOOCs ein? 

T.D.: Ja, also was man auf jeden Fall sagen muss, und worin für mich auch der Knackpunkt liegt, ist, dass die Digitalisierung von Kursen, sei es beim Einsatz in der Hochschulbildung oder im  beruflichen Kontext, kein Selbstzweck – und auch kein Selbstläufer – ist. Es benötigt hier engagierte Kursleiterinnen und Kursleiter und auch den Willen auf Seiten der Beteiligten. Eine wirklich qualitative  Verbesserung des Bildungsangebots einer Hochschule, um jetzt von unserem Bereich zu  sprechen, ergibt sich, wenn MOOCs im Sinne eines Blended-Learning-Ansatzes mit regulären  Lehrveranstaltungen an Hochschulen verknüpft werden. Hierin sehe ich wirklich eine große  Chance. 

A.M.: Vielen lieben Dank für das spannende Interview. Ich kann nur sagen, dass ich gespannt  bin auf die weitere Entwicklung und Nutzung von MOOCs – insbesondere im  Hochschulkontext. Ich wünsche Ihnen persönlich alles Gute! Schön, dass Sie hier waren.  

T.D.: Ja, ich bedanke mich auch. Vielen Dank für das nette Gespräch. 

Das war die zweite Folge der Reihe „Studium und seine digitalen Möglichkeiten“ mit  Theresa Dei, die die Zukunft von MOOCs eingebettet in Blended-Learning Konzepte an  den Hochschulen sieht. Nächste Woche freue ich mich auf die Soziologin Sophia Stein, die  uns etwas über informelle Lern- und Erklärvideos erzählen wird. Bis dahin, alles Gute!

Organisatorisches

Literatur

Zum Zeitpunkt der Erstellung des Podcasts waren alle Links unter der angegebenen Adresse aktiv. Sollten Sie Schwierigkeiten mit dem Aufruf haben, dann probieren Sie es mit den Autoren und Titeln. Manchmal ändert sich einfach die Adresse.

Bild

Bild (auch Beitragsbild): StockSnap – Menschen-Frauen-Studenten – 2557396 auf Pixabay. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons 0.

Musik

Musik (Jingle): daveincamas – Player Piano. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons BY (Namensnennung).